• 2. Februar 2017
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[Victor in Argentinien] Ausschnitte aus dem 2. Patenbrief

(...) In Villa Jardin gibt es, vor allem in den käl­teren Jah­res­zeiten, täg­lich eine Essens­aus­gabe in der Küche unserer Gemeinde. Diese Essens­aus­gabe nennt sich hier „Come­dor“ und wird von einer Frau aus der Gemeinde namens Antonia geleitet. Jeden Tag findet sie sich schon ca. 2 Stunden vor der Aus­gabe mit ein paar anderen Frei­wil­ligen der Gemeinde (meist ältere Damen) in der Gemein­de­küche zusammen, um das Essen zuzu­be­reiten. Im Anschluss wird das Essen dann an die schon vor der Küche war­tenden Obdach­losen aus­ge­teilt. Für diesen Pro­zess des Aus­tei­lens kommen wir dann, meist zu zweit oder allein, um dabei zu helfen. Zur Spei­sung kommen nicht aus­schließ­lich Obdach­lose son­dern auch Fami­li­en­väter oder Mütter, die kein Geld für warmes Essen haben (seit es hier im Land eine Wirt­schafts­krise gibt, essen die Ärmeren auf­grund der erhöhten Essens­preise über­wie­gend Brot mit Butter oder „Dulce de Leche“ zum Mit­tagessen). Unser Ziel bei der Essens­aus­gabe ist es nicht nur dafür zu sorgen, dass die Men­schen ein anstän­diges Mit­tagessen bekommen, son­dern viel mehr, die ein­zelnen Per­sonen kennen zu lernen. Denn gerade diese Men­schen leiden nicht nur unter Mangel an Hygiene oder Essen, son­dern auch an Ein­sam­keit, Ver­las­sen­heit und Trau­rig­keit. Ich habe dort nun schon einige Male mit ein paar älteren Herren gespro­chen. Wenn ich sie nur begrüße sehe ich gleich die Freude in ihren Gesich­tern. Wir spre­chen meist über sehr ein­fache Dinge. Sie fragen mich über meine Her­kunft aus, über das, was ich zu Mittag essen werde, manchmal spre­chen wir auch dar­über, wie weit die Wis­sen­schaft heute ist (dies natür­lich auf sehr ein­fa­chem Niveau). Ich kann im Gespräch mit ihnen beson­ders spüren, wie sehr ihre Seele nach echter Liebe, nach einem Freund, nach einem Zuhörer dürstet. So ist es für mich immer eine sehr schöne Erfah­rung, dorthin zu gehen und durch meine Prä­senz, mein offenes Ohr, Freund zu sein. Es beein­druckt mich auch sehr zu sehen, wie Antonia jeden Tag den Men­schen treu ist, denen sie sich durch ihre Arbeit ver­pflichtet. Trotz ihrer geringen Kör­per­größe rührt sie mit der großen Kelle in dem großen Topf herum und ist nicht darum besorgt, ob ihre Klei­dung von rie­sigen Fettsprit­zern beschmutzt wird. Dabei spricht sie jeden Ein­zelnen beim Namen an und weiß genau, wie viel er braucht, wie viele Kinder er hat etc. Diese Hin­gabe berührt mich sehr. Sie schafft in ihrer Küche jeden Mittag eine Gemein­schaft, die für Viele ein Licht, ein Ort der Liebe ist.

Vor einiger Zeit habe ich mit meinem Gemein­schafts­bruder Guil­lermo eine Freundin von uns besucht. Sie heißt Sahrah und ist 39 Jahre alt. Sahrah lebt allein. Auch inter­es­siert sich fast nie­mand für sie. Ihr Haus hat drei Räume: einen Ein­gangs­raum, in dem ihr Hund ange­kettet ist, eine Küche und ein Schlaf­zimmer. Sarah ist so arm, dass sie ihrem Hund fast nie etwas zu essen geben kann, oft isst sie sogar selber nichts. Sie ist sehr ver­bit­tert und lau­nisch. Manchmal trinkt sie Mate mit uns, manchmal beschimpft sie uns. Nur sehr selten hat sie ein Lächeln in ihrem Gesicht. Guil­lermo und ich sind sie besu­chen gegangen, weil sie Guil­lermo am Tag zuvor per SMS geschrieben hatte, daß sie sich zu alleine fühlt und sich umbringen will. Als wir an die Tür klopften schrie sie uns schon an, ob wir denn nicht etwas gedul­diger sein könnten. Ein wenig später, wäh­rend wir mit ihr in ihrer Küche saßen und mit ihr spra­chen, fiel mein Blick immer wieder auf ihren Hund. Ein armes Tier; total abge­ma­gert und durch eine kurze eiserne Kette sein Leben lang von der Frei­heit ent­band. Der Raum ist dunkel und ihm bleibt nicht viel Platz, um sich zu bewegen. Als ich dieses Tier betrach­tete, wurde mir immer klarer, dass Sahrah als Mensch, mit all ihrer Würde, genau dieses Leid mit ihrem Hund teilt. Immer ist sie allein, nie­mandem ist ihr Leben wichtig. Guil­lermo musste an diesem Tag viel Geduld mit Sahrah haben, weil sie sehr hart mit ihm umging. Sie drang mit einigen Beschul­di­gungen auf ihn ein und lies ihm nicht viel Raum, sich zu ver­tei­digen. Als das Gespräch jedoch die Rich­tung wech­selte begann sie mehr von sich selbst zu spre­chen. Und als sie über ihre Ein­sam­keit sprach, dar­über, dass sie keine Lust mehr hat auf die Straße zu gehen, als sie beschrieb, wie leer ihr Leben ist, da fing sie an zu weinen. Es ist für uns eine große Freude und Ehre, dass Sahrah ihr Herz vor uns öff­nete. Welch eine Gnade! Guil­lermo sagte mir, dass dies das erste Mal war, das er sie weinen sah. Danach war Sahrah viel ent­spannter, lachte und scherzte mit uns sogar ein wenig. Ich hoffe, dass unsere Freund­schaft zu ihr durch diesen Besuch nun viel inten­siver wird, dass wir bei jedem Besuch ein Licht in der Dun­kel­heit ihrer ein­samen Küche sein dürfen. Sahrah besucht uns mitt­ler­weile viel öfter in unserem Haus und ist immer freund­li­cher mit uns. Heute half sie mir sogar beim Putzen und sagte mir, dass dies doch selbst­ver­ständ­lich sei. Vorher hatte sie uns immer zum Helfen aus­ge­nutzt, jetzt dient sie uns! Ein großes Geschenk!

Ich würde euch gerne etwas über unsere Freundin Simona schreiben. Simona kenne ich schon knapp seit Beginn meiner Mis­sion. Sie ist an ihr Bett gefes­selt, weil sie auf Grund eines Knie­pro­blems nicht laufen kann. Dort wartet sie nun über viele Jahre schon auf eine Ope­ra­tion. Sie hat dadurch ordent­lich an Kör­per­ge­wicht zuge­legt und hat nun noch grö­ßere Pro­bleme, sich irgendwie zu bewegen. Wenn sie zum Doktor muss, ruft sie immer an, damit wir sie begleiten, denn alleine würde sie das nie­mals schaffen (obwohl sie schon von einem Taxi abge­holt wird). Simona lebt in ihrem Haus zusammen mit ihrem Mann, der jedoch den ganzen Tag auf der Arbeit ist. Sie ist sehr einsam, denn wenn sie auch Freunde hat, bekommt sie nur selten Besuch. Sie ist so dankbar, wenn wir sie besu­chen kommen. Voller Freude emp­fängt sie uns und ver­gisst nicht, uns am Ende des Besu­ches dafür zu danken, dass wir gekommen sind. Auch wenn wir sie nicht sehr oft besu­chen können, ist sie wäh­rend­dessen immer sehr lustig und gesprä­chig. Ich finde ihre Ein­stel­lung sehr bewun­derns­wert, denn trotz der vielen Ein­sam­keit und der phy­si­schen Schmerzen, die sie erleidet, ist sie so demütig, dankbar für diese eine Stunde zu sein, die wir sie ab und an mal besu­chen kommen. Oft erklärt sie uns, wie wichtig wir für sie sind oder auch wie wert­voll unsere Mis­sion ist. Es macht mir viel Freude und ermu­tigt mich immer wieder, dass sie unsere Mis­sion so gut ver­steht und sich so dankbar davon berei­chern lässt. Es ist ein großes Geschenk für uns alle, dass wir mit ihr befreundet sind und sie ab und zu in ihrer Kammer besu­chen können. (...)


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