• 10. November 2016
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[Victor in Argentinien] Ausschnitte aus dem 1. Patenbrief

Liebe Paten, Liebe Freunde, Liebe Familie,

in meinem ersten Paten­brief möchte ich mich zunächst einmal sehr für Eure geist­liche wie auch finan­zi­elle Unter­stüt­zung meiner Mis­sion bedanken. Gerade in meinen ersten Wochen kann ich sehr stark spüren, wie mich Euer Gebet trägt! Ich bin sehr froh, dass ich end­lich in Buenos Aires ange­kommen bin und nun an der Mis­sion mit Points Coeur teil­nehmen kann. In meinen Paten­briefen werde ich Euch ab sofort regel­mäßig von meinen Erfah­rungen und Erleb­nissen aus der Mis­sion berichten.

Am Mitt­woch, den 7. Sep­tember, kam ich mor­gens in Buenos Aires an. Dort wurde ich von Pater Eduardo, einem Priester von Points-Coeur, abge­holt. Als wir zusammen in meinem Viertel “Villa Jardín” ankamen, war ich sehr erstaunt, in welch schlechtem Zustand es war. Die Häuser gli­chen größ­ten­teils selbst gebauten Hütten und die kaputten Straßen waren gezeichnet von Müll und Schrott. Mein Weg zusammen mit Pater Eduardo zum “Puntos Corazón” führte durch enge, nach Müll stin­kende Gassen, bis wir schließ­lich am Haus ankamen. Dort wurde ich sehr freund­lich emp­fangen. Ein paar Kinder hatten die Tage zuvor ein Will­kom­mens-Plakat gebas­telt, das in unserem Emp­fangs­zimmer an der Wand hing. Ich konnte sofort spüren, dass mich die Men­schen in dem Viertel als einen Freund betrach­teten, weil ich zum Puntos Corazón gehöre. Das hat mich sehr gefreut und so konnte ich mich auch schnell hier ein­leben.

Direkt am zweiten Tag, als wir am Früh­stück saßen, kam unser Freund Sergio vorbei, der zwar schon ca. 40 Jahre alt ist, sich jedoch noch benimmt wie ein Kind, da er nicht lern­fähig ist. Er hatte ein Plakat für mich dabei mit der Auf­schrift “Victor de Ale­mania”. Unter der Auf­schrift hatte er eine Deutsch­land­flagge aus selbst aus­ge­schnit­tenen Herzen zusam­men­ge­stellt. Als ich das Plakat sah und dazu sein stolzes Gesicht, war ich sehr berührt, weil er wirk­lich sehr viel Zeit und Mühe für dieses Plakat auf­ge­bracht haben muss. So wusste ich direkt, wie viel ihm die Freund­schaft zu unserem Haus bedeutet und ich war mir sicher, dass auch ich in meiner Mis­si­ons­zeit als Freund für ihn da sein will. Wie ich später erfuhr, bas­telt er für jeden Frei­wil­ligen, der gerade neu ist, ein sol­ches Plakat. Leider trinkt er manchmal ein biss­chen zu viel Bier, sodass er wütend wird und auch mit seinen Gedanken etwas durch­ein­an­der­kommt. So hat er uns zum Bei­spiel einmal zum Früh­stück am nächsten Tag zu sich nach Hause ein­ge­laden. Am Vor­a­bend, als es schon sehr spät war und wir noch mit dem Abwasch des Geschirrs beschäf­tigt waren, kam er an unser Fenster und fragte ent­täuscht, wo wir denn den ganzen Abend geblieben waren. Er hätte alles vor­be­reitet und auf uns gewartet. Er glaubte uns nicht, als wir ver­suchten, ihm zu erklären, dass er uns für das Früh­stück am nächsten Morgen ein­ge­laden hatte. So ging er tief traurig alleine nach Hause. Am nächsten Tag kam er schon sehr früh an unser Fenster, um uns daran zu erin­nern, ihn auch ja nicht wieder alleine sitzen zu lassen. Wir konnten uns wirk­lich sehr geehrt fühlen, einen so treuen Freund zu haben. Einmal, als ich im Bus saß, sah ich Sergio alleine mitten durch Buenos Aires laufen. Er ges­ti­ku­lierte wild mit den Armen herum und schien, sehr wütend zu sein. Unser Ziel war direkt die nächste Sta­tion bei der wir zur Messe gehen wollten. Also begeg­neten wir ihm zufäl­li­ger­weise und er kam gleich mit in die Messe. Er war sehr traurig und als ich ihn begrüßte fing er fast an zu weinen. In diesem Moment konnte ich fühlen, wie einsam er doch ist. Er sehnt sich nach viel mehr Liebe und Zuwen­dung. Er möchte nicht immer seine Trau­rig­keit mit Bier betäuben müssen. Ich hoffe, dass er immer in unserer Freund­schaft Trost finden kann.

Ich möchte euch auch von einem anderen Freund Namens “Coco” erzählen. Coco ist ca. 50 Jahre alt, weiß jedoch selber nicht, wie alt er ist. Wie Sergio, ist auch er nicht lern­fähig. Jeden Tag kommt er nach­mit­tags bei uns vorbei, um einen Kaffee zu trinken. Er spricht nicht viel, sodass wir ihm manchmal Fragen stellen wie: “Schmeckt der Café?”, “Was hast du heute alles so gemacht?” etc. Meis­tens gibt er lus­tige Ant­worten. Er hat uns sogar einmal gesagt, wir sollten eine Dusche nehmen, was er irgendwo auf­ge­schnappt haben muss, denn es gab keinen Grund, dies zu sagen. Er lebt schließ­lich über­wie­gend auf der Straße. Ich finde es sehr schön, dass wir bei diesem kleinen Kaffee nur für ihn da sein können. Oft sehen wir ihn alleine, planlos durch die Straßen laufen, denn Coco hat nicht viele Freunde. Wenn irgendwo Men­schen aus der Gemeinde sind kommt er hinzu. Wenn von der Gemeinde Essen für die Obdach­losen aus­ge­teilt wird, möchte er gemüt­lich dabei sitzen. Er ist so wesent­lich und ein­fach, denn was er sucht ist Gemein­schaft und Liebe. Des­halb fas­zi­niert es mich sehr, dass er, aus seinem kind­li­chen Wesen heraus, jede Hl. Messe, die in unserer Gemeinde gefeiert wird, auf­sucht und beim Frie­dens­gruß mit viel Freude jeden umarmt. So hält er doch beständig am Guten fest und ist unbe­tei­ligt an dem Übel, wel­ches das arme Herz unseres Villa Jardín ver­letzt.

Direkt neben unserem Haus wohnt in einem ein­zigen Zimmer von ca. 20 Qua­drat­me­tern ein Vater mit seinen 5 Kin­dern. Wir kennen die Familie sehr gut, beson­ders mit den Kin­dern haben wir uns gut ange­freundet. Die Mutter war vor einiger Zeit ins Gefängnis gekommen, weil sie etwas gestohlen hatte. Der Vater ist oft mit der ganzen Situa­tion sehr über­for­dert, beson­ders weil die Kinder noch sehr klein sind und eine Mutter brau­chen. Gerade für die kleinsten Kinder ist es schlimm, weil nie­mand sie ver­tei­digt und tröstet, wenn die grö­ßeren ihnen Unrecht tun. Sehr oft kommen sie an unsere Tür mit trau­rigen Gesich­tern und wollen getröstet werden. Das ist sehr schön für uns, weil sie sich uns wirk­lich anver­trauen. Beson­ders lieb habe ich den Kleinsten von ihnen namens “Justin” gewonnen. Er ist unge­fähr 2 Jahre alt! Er steht immer so hilflos und einsam auf der Straße und betrachtet stumm das Geschehen. Ab und zu lässt er die ein oder andere Gemein­heit von den grö­ßeren Kin­dern über sich ergehen und läuft wei­nend in sein Haus. Mit Allem muss auch er alleine fertig werden, denn er hat keine Mutter, die sich um ihn küm­mern könnte. Ich hoffe, dass all unsere Zunei­gung zu ihm, jeder Moment, in dem wir ihn auf den Arm nehmen und trösten, sein Leben min­des­tens gen­auso prägen werden, wie alles andere, was er erlebt. Gott sei Dank ist vor einer Woche seine Mutter aus dem Gefängnis zurück­ge­kommen. Ich denke, dass sich die ganze Familie für die Mutter schämt und auch, dass die Mutter große Schwie­rig­keiten hat, wieder ins Leben als Mutter vieler Kinder ein­zu­steigen, denn ich hörte sie in ihrem Haus direkt ihre Kinder anschreien. Sicher hat sie Vieles im Gefängnis durch­ma­chen müssen. So bitte ich Euch alle, ein beson­deres Gebet für sie und ihre Familie zu machen.

Viele Grüße und Gottes Segen Euer Paten­kind Victor

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