• 10. November 2016
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[Tobias in Buenos Aires] Erste Eindrücke aus Argentinien

Tobias und seine Gemeinschaft mit Pater Guillaume, Oktober 2013

Liebe Paten, liebe Freunde, liebe Familie,

Zuerst einmal möchte ich mich bei euch dafür bedanken, dass ihr mir durch eure Unter­­stüt­­zung diese Mis­­sion mit Points-Coeur (auf Spa­­nisch: Puntos Corazón) ermög­­licht.

Ich bin jetzt seit etwas mehr als einem Monat hier im Haus von Puntos Corazón in Lanús-Oeste, einem Stadt­­­teil am Rande von Buenos Aires. Mir geht es sehr gut und ich bin sehr dankbar und glück­­lich für die Zeit, die ich hier bisher ver­­­bringen durfte. In meinen Paten­­briefen werde ich euch von nun an regel­­mäßig an meinen Erfah­rungen und Ein­­drücken von meinem Leben mit Puntos Corazón an der Seite der Armen teil­haben lassen. Zur­­zeit besteht meine Haus­­ge­­mein­­schaft aus fünf Frei­­wil­­ligen: Mein Zimmer teile ich mit Nicolas (29 Jahre, aus der Schweiz) und Aaron (24 Jahre, aus den USA). Nicolas ist der Erfah­renste der Gemein­­schaft. Da er schon seit fast 15 Monaten in unserem Haus lebt, hat er auch die Füh­rungs­­rolle inne. Er wird uns Ende Oktober in Rich­tung USA ver­­lassen, wo er für ein­ein­halb Monate im Punto Corazón von New York leben wird. Aaron ist zwei Wochen vor mir ange­­kommen und muss, wie ich, die Sprache und die Men­­schen in unserem Viertel noch ken­­nen­­lernen. Er wird wäh­rend meiner gesamten Mis­­sion da sein. Außerdem gehören noch Ade­­lina (25 Jahre, Frank­reich) und Ale­­xiana (26 Jahre, Argen­ti­­nien) zur Gemein­­schaft. Anfang Oktober wird noch eine wei­tere Frei­­wil­­lige aus Frank­reich kommen. Ich ver­­­stehe mich mit allen sehr gut und bin glück­­lich ein Teil dieser Gemein­­schaft sein zu dürfen. Als ich vor etwas mehr als einem Monat ankam, blieb mir der große Kul­tur­­schock erspart. Trotzdem gab es einige Dinge, die mich erstaunt haben und die unge­wohnt für mich waren: Zuerst einmal hatte ich bisher noch nie so eine große Armut gesehen, wie hier. Die meisten Men­­schen haben zwar genug zu Essen, aus­rei­chend Klei­­dung und ein Dach über dem Kopf, aber ihre Häuser sind in sehr schlechtem Zustand und oft bestehen sie aus zwei bis drei Zim­­mern für eine Familie mit min­­des­tens sechs Kin­­dern. Unsere Auf­­gabe hier besteht aber nicht darin grö­­ßere oder bes­­sere Häuser zu bauen, son­­dern den Men­­schen einen Platz in unserem Herzen zu geben, für sie prä­­sent zu sein und sie in ihrer Armut zu besu­chen. Neu für mich war auch die Art sich zu begrüßen: Man gibt sich nicht wie in Deutsch­­land die Hand, son­­dern küsst sich auf die Wange. Dazu kam noch das für mich unge­wöhn­­liche Ver­­halten der Men­­schen bei Regen: wenn es regnet wird der Tag ein­fach zu großen Teilen im Bett und im Haus ver­­­bracht. Des­­wegen kam es auch schon häu­­figer vor, dass die Leute uns bei Regen nicht emp­fangen wollten, als wir sie nach­­mit­­tags besu­chen wollten. Jeden Nach­­mittag nach dem Rosen­­kranz um 15:00 Uhr, besu­chen wir näm­­lich, immer zu zweit, die Men­­schen in unserem Viertel, um bei ihnen zu sein, um ihre Sorgen und Leiden, aber auch ihre Freuden mit ihnen zu teilen. Dabei bleibt einer von uns immer im Haus, um die Kinder aus unserer Nach­­bar­­schaft zu emp­fangen und mit ihnen zu spielen. Danach treffen wir uns um 18:00 Uhr wieder zur Hei­­ligen Messe in unserer Gemeinde. Ansch­lie­­ßend beten wir gemeinsam die Vesper, der­je­­nige, der zum Kochen ein­­ge­­teilt ist für diesen Tag, bereitet das Abendessen vor und nach dem Essen beenden wir den Tag vor Gott mit dem Aben­d­­gebet. Unser Tag endet meist gegen 23:00 Uhr. Am nächsten Tag ver­­­sam­­meln wir uns um 7:00Uhr in der Kapelle um die Laudes zu beten. Nach dem ansch­lie­­ßenden Früh­­stück gibt es Zeit zum Waschen, zum Spa­­nisch lernen, zur eucha­ris­ti­­schen Anbe­tung in der Kapelle oder zum Ein­­kaufen (der der mit Kochen an der Reihe ist). Obwohl mein Tag ziem­­lich voll und anstren­­gend ist, bin ich doch sehr glück­­lich über meinen Alltag hier und freue mich, dass Gott mich hierher gerufen hat.

Wäh­rend meiner hier bisher ver­­­brachten Zeit habe ich wirk­­lich sehr sehr viele Men­­schen ken­­nen­­ge­­lernt, die ich euch jetzt nicht alle vor­­­stellen kann. Ich werde euch aber von einer Person erzählen, zu der wir eine beson­­ders enge Freun­d­­schaft haben. Fast jeden Tag besucht uns Sergio (ca. 36 Jahre alt) zum Früh­­stück. Meis­tens möchte er ein­fach einen Mate (eine Tee­s­­pe­­zia­­lität aus Argen­ti­­nien) trinken und von seinem Leben erzählen. Dabei ist er meis­tens sehr gut gelaunt, bis­weilen auch albern, und lacht über fast alles, was auch nur ansatz­­weise lustig ist. Zum Bei­­spiel wenn ich fast die Treppe her­un­ter­fallen. Oft spricht er von seinem Lie­b­­lings­­­fuß­­ball­club San Lorenzo, von der letzten Feier oder irgen­d­wel­chen Begeg­­nungen auf der Strasse. Nach dem Mate spielen wir ent­weder zusammen Memorie oder helfen ihm bei seinen Haus­auf­­gaben, wenn er sie denn mit­­ge­­bracht hat. Letz­teres macht er näm­­lich, wie fast alle Schüler, nur mit großem Wider­willen. Ihr wun­­dert euch bestimmt, warum er in seinem Alter noch zur Schule geht. Das liegt daran, das Sergio eine leichte geis­tige Beein­träch­ti­­gung hat. Grund dafür ist der Dro­­gen­­konsum seiner Mutter wäh­rend seiner Schwan­­ger­­schaft. Danach wuchs Sergio bei Adop­ti­v­el­tern auf, aber seine Adop­ti­v­mutter verstarb. Ebenso wie sein bester Freund und seine Leh­­rerin aus der Schule, die in seinem Leben eine beson­­dere Rolle gespielt haben. Obwohl er so viel Leid schon erfahren hat, ist er doch nicht unglück­­lich. Nur an wenigen Tagen ist er wirk­­lich traurig. Manchmal kommt er mit uns zur Aben­d­­messe mit und am ver­­­gan­­genen Sonntag beglei­tete Sergio uns bei einer kleinen Wall­fahrt zu einer Schön­­stat­t­­ka­­pelle im Norden von Buenos Aires.

Ein großes Pro­blem in unserem Viertel ist der Dro­­gen­­konsum. Viele Jugend­­­liche, größ­ten­­teils Jungen, sind dro­­gen­ab­hängig. Ich sehe sie regel­­mäßig ca. zu zehnt an einer Ecke unseres Vier­tels stehen, wo sie zusammen Mari­huana rau­chen. Wir grüssen uns immer und wenn ich Zeit habe, bleibe ich, um ein paar Worte mit ihnen zu wech­­seln. Langsam lerne ich ihre Namen und viel­leicht ergibt sich ja eines Tages ein rich­tiges Gespräch mit einem von ihnen. Die Pro­bleme, die die Drogen ver­­ur­sa­chen sind viel­­fältig: Sie zer­­stören natür­­lich die Gesun­d­heit der Men­­schen, aber sie zer­­stören auch die Fami­­lien, da die Jugend­­­li­chen das ganze Geld der Familie für die Drogen ver­­­brau­chen und sich immer mehr von ihren Fami­­lien ent­­fernen. Dar­­über hinaus rauben sie noch Läden und Passanten aus und über­­fallen Busse, damit sie ihren Dro­­gen­­konsum finan­­zieren können. Hin und wieder kommt es auch zu Kämpfen mit anderen Jugend­­­banden, die manchmal auch in Schies­­se­reien enden. Das Ein­­zige, was wir für diese Jugend­­­li­chen machen können ist, sie in unseren Gebeten immer wieder vor Gott zu tragen und mit unserem Leben zu bezeugen, dass es einen anderen Weg, einen Weg der Hoff­­nung mit Gott gibt. Ich möchte euch bitten für diese Jugend­­­li­chen zu beten, die voller Ver­­zweif­­lung und Hoff­­nungs­­lo­­sig­keit sind, damit sie gerettet werden. Die Jungen, deren Namen ich kenne heißen Arien, Louis, Jesus, Rod­­rigo, Chri­­sto­­pher, Gaston, Chris­tian, Jona­than und Leo. An dieser Stelle möchte ich meinen ersten Paten­­brief beschließen und euch noch­­mals für euer Gebet und eure finan­­zi­elle Unter­­stüt­­zung danken.

Liebe Grüsse und Gottes Segen wünscht euch

Tobias


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