• 10. November 2016
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Rebekka in Buenos Aires: Auszüge aus dem ersten Patenbrief

Rebekka mit ?, 2009

Rebekka aus Stutt­gart, hat 14 Monate in Buenos Aires/Argen­ti­nien gelebt. In diesem Brief berichtet sie von ihren ersten Ein­drücken.

Liebe Freunde, liebe Paten, liebe Familie,

einen Monat ist es jetzt her, dass ich hier in meinem Viertel Villa Jardin am Rande der Haupt­stadt Argen­ti­niens ange­kommen bin. Es ist unglaub­lich, wie­viel ich in diesem Monat erlebt und emp­fangen habe. Eine neue Familie, neue Freunde, ein neues Land, eine neue Sprache, ein neues Herz. Ich fühle mich hier in unserem kleinen Haus, in meiner neuen Familie wie zuhause.

In diesem ersten Monat ist so viel geschehen, dass ich gar nicht weiss wo ich anfangen soll, denn alles, wirk­lich alles ist anders und jeden Tag erlebe ich etwas Neues. Ich werde euch am Besten zuerst mal meine ersten Ein­drücke beschreiben.

Nach 17 Stunden Flug, von Paris wo wir zwei Wochen mit 15 anderen Fran­zosen im Mut­ter­haus von Points-Cœur unsere Vor­be­rei­tung been­deten, über Rom, kamen Maria und ich am 16. Sep­tember 2009 mit 2 Stunden Ver­spä­tung voller Erwar­tungen und Vor­freude hier in Buenos Aires am Flug­hafen an, wo wir von Brooke (24, Ari­zona) und Juan, (21, Frank­reich) meinen Gemein­schafts­ge­schwis­tern erwartet wurden. Und schon ging es über die hol­priegen Strassen Argen­ti­niens direkt in unser Viertel, das im Stadt­teil Lanus am Ufer des Rio Chuelo liegt und zum Gross­teil aus kleinen Back­stein­häu­sern mit Well­bläch­dä­chern besteht, die alle anein­ander gebaut sind, sodass viele kleine Gassen ent­sehen.

Unsere Strasse ist zum Glück etwas breiter und es fahren keine Autos herein, sodass die Strasse wirk­lich zur reinsten Spiel­strasse wird, solange es nicht regnet ! Wenn es näm­lich regnet werden die Strassen hier zu Flüssen und keiner traut sich mehr aus dem Haus – ausser uns!

An einem Abend waren wir bei einer Freundin zum Essen ein­ge­laden, es reg­nete in Strömen, das Wasser stand bis über die Knö­chel auf der Strasse, fuer uns jedoch kein Hin­dernis. Alle in Jacken und Kapuzen gepackt, aber ohne Gum­mis­tiefel waren wir nach wenigen Minuten von oben bis unten durch­ge­weicht und das Wasser stand in unseren Schuhen, im Gän­se­marsch wat­teten wir durch die leeren Gassen. Wir hatten einen riessen Spass, schon von oben bis unten durch­ge­weicht machte es keinen Unter­schied mehr und wir ver­an­stal­teten eine rie­sige Was­ser­schlacht. Es beein­druckt mich immer wieder, mit wie­viel Gelas­sen­heit und Liebe wir leben können. Wie wir alles als Geschenk annehmen können. Das grösste Geschenk, das ich hier bekommen habe ist meine Gemein­schaft, meine Familie, die mich trägt, die immer fuer mich da ist....

Was ich hier als erstes gelernt habe ist, wie wichtig, manchmal schwierig, aber schön das Gemein­schafts­leben ist. Wie wichtig es ist, eine Familie zu haben, in der man sich wohl­fühlt, in die man immer zurück­kommen kann und sein kann wie man ist. Wie schwierig es manchmal ist, die Denk­weisen, Argu­mente, Blick­winkel der anderen Kul­turen zu ver­stehen, weil man es ein­fach anders gewohnt ist. Und wie schön es ist, trotzdem in einem Cha­risma ver­eint zu sein und voller Respekt und Liebe mitein­ander das gleiche Ziel zu ver­folgen. Es sind wirk­lich Schwes­tern und Brüder, die mir geschenkt wurden. Eine sehr wich­tige Erfah­rung für mich, aber auch für den Zusam­men­halt der ganzen Gemein­schaft war die Pil­ger­fahrt nach Lujan.

Unser Points-Cœur besteht seit 13 Jahren, was sehr schön ist, weil wir so viele Freunde haben die Points-Cœur seit Beginn kennen, aber auch immer wieder neue Leute kennen lernen. Die Kinder in der Strasse mit denen wir fast jeden Tag spielen und die nach­mit­tags zur Per­ma­nencia ins Haus kommen und mit uns Rosen­kranz beten, sind alle totale Schätze und ihre strah­lenden Augen und ihr Lachen lassen in meinem Herz die Sonne auf­gehen. Sie sind das Schönste an der Mis­sion hier und wenn ich mit ihnen spiele, werde ich wieder zum Kind. Sie besitzen einen unglaub­li­chen Ein­falls­reichtum, aus allem wird ein Spiel und sie sind immer total glück­lich, dass wir mit­ma­chen. Cande (5) meinte: “Ich mag Puntos Corazon weil sie immer mit mir spielen!” ...

Rebekka mit ? im „Points-Cœur“ Haus, 2009
Rebekka mit ? im „Points-Cœur“ Haus, 2009

Ein Mäd­chen das mich beson­ders berührt hat ist Mika. Sie ist 5 Jahre alt und wohnt mit ihrem Gross­vater gegen­über von uns. Ihre Mutter kann sich nicht um sie küm­mern, weil sie Drogen nimmt und trinkt. Vom Vater wissen wir nichts. Der Gross­vater küm­mert sich rüh­rend um sie, sie sind total arm und ich spüre trotz der Für­sorge des Opas eine grosse Ein­sam­keit in ihr. Sie braucht viel Auf­merk­sam­keit, zur Zeit kommt sie jeden Tag zu uns. Für mich ist sie eine Hei­lige. Ich bin total beein­druckt von ihr, weil sie trotz dem schlimmen Leben das sie führt immer lacht, immer Freude aus­strahlt. Ich hab sie so lieb! Letzte Woche kam sie vorbei und wollte wie immer mit uns spielen, aber wir waren gerade dabei, in die Messe zu gehen und ich hab sie geftagt, ob sie mit­kommen will. Es war total schön, den ganzen Weg bis zur Kirche sass sie auf Juans Schul­tern und wir haben Wett­rennen gespielt. Es war so eine Freude, sie so zu sehen. Für sie war es was Beson­deres in die Messe zu gehen und sie hat sich auch total gut benommen. Am Tag als ich meine erste Per­ma­nencia hatte – dass heisst ver­ant­wort­lich war fürs ein­kaufen, kochen, beten, fuer den Ablauf des Tages, hab ich sie mit zum Ein­kaufen genommen. Es war Samstag und hier war Markt. Sie war total begeis­tert, mit leuch­tenden Augen lief sie an den Ständen vorbei, tanzte zur Musik. Sie erzählte mir, dass es ihr in der Messe gefallen hatte und dass sie jetzt immer mit uns in die Messe gehen wolle.

Alles ist Geschenk und Gnade Gottes, das möchte ich euch heute mit­geben. Nehmt alles an und lebt es mit Liebe, dann kann euch nichts mehr erschüt­tern, dann seid ihr ein Son­nen­strahl, ein Zei­chen der Freude fuer viele, so wie unsre kleine Mika.

Nos vemos, un beso,

Rebekka

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