• 10. November 2016
de

[Leo in Peru] Ausschnitte aus dem 2. Patenbrief

Leo und seine Gemeinschaft, Dezember 2012

Einige Tage vor Weih­nachten erhalten wir den zweiten Paten­brief von Leo. Er ist seit August 2012 in Lima (Peru) und stellt uns einige Gesichter seiner Mis­sion vor.

Liebe Paten,

Wir sind jetzt nur noch zu sechst in der Gemein­schaft und am 10.12. wird Patrick nach Frank­reich zurück­kehren und uns fünf zurück­lassen. In der klei­neren Gemein­schaft muss ich selbst immer mehr Ver­ant­wor­tung in den Ent­schei­dungen und in unserem Gemein­schafts­leben über­nehmen (das fängt mit dem wöchent­li­chen Haus­putz an, der nun nur noch von fünf Per­sonen ver­richtet wird...).

Weihnachten in Peru

Bald ist Weih­nachten und ich darf dieses Jahr wohl ein beson­ders unge­wohnte Weih­nachten leben. Hier sind die Advents­kränze aus Plastik und die Kerzen sind in ver­schie­denen Farben (bei uns zuhause sind sie rot). Der Weih­nachts­baum (eben­falls aus Plastik) steht hier in Peru ab dem 01. Dezember in ame­ri­ka­ni­schem Stil geschmückt, wäh­rend er für mich in Deutsch­land ein Zei­chen für Weih­nachten ist, da wir ihn dort immer am 24. auf­stellen. Außerdem gibt es hier große Krip­pen­auf­bauten, die Peruaner lieben es diese beson­ders groß und auf­wändig zu machen. Unsere Nach­barin hat zum Bei­spiel eine große Krippe mit vielen Tieren und vier oder fünf Jesus, Maria, Jose­f‐Fa­mi­lien, wobei das Jesus­kind als ein­zige von diesen äußeren Dingen erst an Weih­nachten in die Krippe gelegt wird.... Dies alles ist für mich eine Ein­la­dung, mich dem Kern von Weih­nachten ein biss­chen mehr zuzu­wenden, und ohne den schönen Schnee, die vielen geliebten Tra­di­tionen und die noch mehr geliebte Familie, an der Krippe zu beten und zu betrachten, was es bedeutet, dass Gott in einem Stall Mensch geworden ist.

Das Jugendgefängnis

Don­nerstag nach­mit­tags besu­chen wir immer das Jugend­ge­fängnis in Maranga. Je nach Schwere ihres Ver­ge­hens (und guter Füh­rung) sind die Jugend­li­chen in ver­schie­denen Abtei­lungen. Wir haben ins­be­son­dere zwei Freunde in der Abtei­lung San Fran­cisco. Sie heißen Pier und Kart und sind beide zwi­schen 18 und 20 Jahre alt. Beide sitzen wegen Dieb­stahl, wobei Kart beim Über­fall einer Tank­stelle (ohne Absicht) einen Men­schen getötet hat. Es gibt zwar manchmal Ange­bote für sie, wie zum Bei­spiel eine Thea­ter­gruppe, Fuß­ball­spiele, musi­zieren oder etwas bas­teln, jedoch ist dies zum Einen mit der neuen bes­seren Abtei­lung ver­bunden, in die sie ver­legt wurden, und zum Anderen gibt es diese Ange­bote nur zu man­chen Zeiten. Letzt­end­lich erbringen sie aber den größten Teil des Tages, indem sie gelang­weilt im Innenhof ihrer Abtei­lung sitzen und warten.

Bei meinem ersten Besuch hat mich über­rascht, dass sie sich so sehr freuen uns zu sehen und sich als „coole Gangs­ter­jungs“ vor den anderen wegen ihrer Freund­schaft mit den „gläu­bigen Grin­gos“ nicht schämen. Die Jugend­li­chen in diesem Gefängnis sind für mich ein Zeugnis dafür, was von der „Cool­ness‐­Scha­le“ü­brig bleibt, wenn ein Jugend­li­cher alleine, getrennt von seiner Familie, an einen Ort gefes­selt ist, und sich wie ein kleines Kind über den Besuch der Mutter, die einmal in der Woche zu Besuch kommt, freut, denn dort wird der der Liebe und Prä­senz bedürf­tige Mensch –der ich ja auch selber bin– (wie in Villa Marta) sichtbar...

Abuela Rosa

Eine ganz beson­dere Freundin von uns ist „Abuela Rosa“. Sie ist im Süden Perus geboren und ist nach dem Tod ihrer Eltern als junges Mäd­chen alleine nach Lima gekommen. Dort hat sie ihren spä­teren Mann Victor ken­nen­ge­lernt. Die beiden wohnen in unserem Viertel unter einem Dach, das ihnen die Gemeinde vor einem halben Jahr gestiftet hat. Vorher haben sie wohl noch ärmer gewohnt, aber auch jetzt noch ist es eben ein­fach dieses Dach, Wände aus Holz und der Boden aus Erde. Im Haus gibt es nichts außer einem kleinen Bett, vier kaputten Stühlen, und einem kleinen Berg von kaputten Sachen. Gekocht wird draußen über einem kleinen Feuer, das ihr Mann dann macht... Abuela Rosa hatte vor ca. 15 Jahren einen Gehirn­schlag (heißt es so?), sodass sie kaum ver­ständ­lich arti­ku­lieren und kaum noch sehen kann, und vor allen Dingen seitdem ihr ganzes Leben an ihr Bett gefels­selt ist. Jeden morgen gibt ihr Victor zu essen, muss dann aber das Haus um 11 Uhr ver­lassen um im Zen­trum Limas Wackel­pud­ding auf der Straße zu ver­kaufen. Er kehrt erst spät abends zurück und Abuela Rosa ver­bringt diese Zeit stets war­tend in ihrem Bett, jeden Tag und ohne Besuch (außer uns einmal die Woche), da sie keine Familie haben (auch keine Kinder).

Viele Grüsse und frohe Weih­nachten wünscht euch

euer Paten­kind Leo

Den Brief als PDF her­un­ter­laden
Leo unter­stützen


Im Haus Leo spielt mit den Kindern vor dem Points-Coeur Haus Eine Nachbarin vom Viertel Die Points-Coeur Mitglieder in Peru
Zur Anfang
•  Impressum •  Website powered by SPIP •  Sitemap •