• 15. Mai 2018
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[Gaetan in Peru] Ausschnitte aus dem 3. Patenbrief

Anfang November 2017 erreicht uns der dritte Paten­brief von Gaetan, seit Januar in Lima (Peru):

Liebe Paten, liebe Bekannte, liebe Freunde,

liebe alle, die Ihr auf die eine oder andere Weise an meiner Mis­sion teil­nehmt,

Die letzten Neu­ig­keiten aus unserem Haus: Ales­sias Des­pe­dida (der letzte Monat der Mis­sion, auch Abschieds­monat genannt) kommt zu seinem Ende. Sie wird Anfang November nach Deutsch­land zurück­reisen. Unge­duldig warten wir gleich­zeitig auf einen neuen Gemein­schafts­bruder aus Frank­reich. Um ehr­lich zu sein ist es nicht immer ein­fach, die einen gehen zu lassen und die anderen im Haus auf­zu­nehmen. Beson­ders, wenn man sich mit der Zeit an die Gemein­schafts­ge­schwister gewöhnt. Aber genau hier steckt der ganze Sinn der regel­mä­ßigen Ankunft neuer, enthu­sias­ti­scher Frei­wil­ligen, die uns helfen, unsere alten Gewohn­heiten zur Seite zu lassen und die Mis­sion mit einem neuen Blick zu betrachten.

Im ersten Monat wird der neue Frei­wil­lige von der ganzen Gemein­schaft begleitet. Er wird in den Rhythmus des Hauses sowie in das Cha­risma der Mis­sion ein­ge­leitet und unseren Freunden vor­ge­stellt. Diese Beglei­tung ermög­licht uns, sowohl das Wesent­liche der Mis­sion, als auch den Sinn des Gebets, der Besuche bei unseren Freunden und der ver­brachten Zeit in Gemein­schaft neu zu ent­de­cken. Es sind diese Momente, die uns wieder darauf hin­weisen, dass das Wesent­liche darin liegt, dass Christus im Mit­tel­punkt all unserer Akti­vi­täten steht. Als ich das letzte Mal mit meiner Schwester sprach, fragte sie mich, wel­cher Moment des Tages mir am besten gefalle. Meine Ant­wort bezog sich auf die ersten Mor­gen­stunden, am Ende der Messe, nachdem ich Gott für den neuen Tag gedankt habe. Es ist der Moment, in dem ich über den Tagesab­lauf nach­denke, ohne wirk­lich wissen zu können, was auf uns zukommen wird, da uner­war­tete Situa­tionen und Begeg­nungen zu unserem Alltag dazu gehören. Es ist wahr, unsere täg­li­chen Akti­vi­täten geben einem den Ein­druck einer gewissen Mono­tonie. Aber genau in diesem Moment am Morgen fühle ich, dass kein Tag dem anderen gleicht. Es ist ein Moment, der es mir ermög­licht, mich leiten zu lassen.

(...)

Die Ein­sam­keit Erlaubt mir, euch über ein Leid, mit dem unsere Freunde kon­fron­tiert sind, zu berichten, um euch die Rea­lität unseres Vier­tels genauer bekannt zu machen. Das Leid, mit dem viele Bewohner unseres Vier­tels kon­fron­tiert sind, bezieht sich nicht auf eine mate­ri­elle Armut. Auch wenn die Bewohner des oberen Teils der Ense­nada immer noch keinen Zugang zu Strom oder Trink­wasser haben und auch wenn einige Freunde in einer extremen Armut leben und sich nicht sicher sind, ihre Familie am nächsten Tag ernähren zu können. Diese Rea­lität ist jedoch bei einer Begeg­nung nicht immer sichtbar, weil sie Hoff­nung aus­strahlen und den festen Glauben haben, nicht alleine gegen diese täg­liche Her­aus­for­de­rung anzu­treten. Sie wissen, das Wesent­liche zu schätzen und sind sich der Klei­nig­keiten, die sie bekommen, bewusst. Übri­gens viel mehr, als wir es sind.

Das Leid, mit dem unsere Freunde oft kon­fron­tiert sind, ist die Ein­sam­keit. „Was soll ich mit dem Geld meiner Söhne anfangen, wenn es ihre Liebe ist, die ich eigent­lich wirk­lich brauche?“, sagte uns Gloria (74 Jahre alt), als sie über ihren Sohn sprach, der vor einigen Jahren in die Ver­ei­nigten Staaten aus­ge­wan­dert ist. Er ging anläss­lich einer bes­seren beruf­li­chen Gele­gen­heit und mit der Hoff­nung, ein bes­seres Leben zu führen, wobei er seine Tochter, seine Brüder und seine Mutter im Viertel zurück­ge­lassen hat. Gloria ist eine treue Freundin des Hauses, die sich noch genau an die Ankunft der ersten Frei­wil­ligen erin­nert. Seit ihrer Kind­heit hat sie viel gelitten. Sie hat früh ange­fangen, für ihre Eltern zu arbeiten, ohne die Schule abschließen zu können. Ihre Eltern schickten sie dann samt ihrer Brüder nach Lima, um im Haus ihres Onkels zu arbeiten, wo sie mehr oder weniger aus­ge­beutet wurden. Einige Jahre später stand sie als allein­er­zie­hende Mutter da. Bevor ihre vier Kinder erwachsen und eigen­ständig wurden arbei­tete sie ständig für sie, um ihnen eine bes­sere Zukunft zu ver­schaffen. Ihr größter Wunsch war es, all ihre Liebe ihren Kinder mit­zu­geben, all das was sie in ihrer Jugend zu wenig bekommen hatte. Bei einem Abendessen in unserem Haus erzählte sie uns die Geschichte ihres Sohnes und erwähnte dabei, was ich weiter oben zitiere. Es war eine sehr schöne Begeg­nung, weil Gloria davor noch nie so offen mit uns über ihre Lebens­ge­schichte gespro­chen hatte. Gleich­zeitig, als wir die Trauer in ihrem Gesicht sahen, wurde uns bewusst, dass wir ihr größtes Leid, das Leid der Ein­sam­keit, ent­deckt hatten. Die Ein­sam­keit einer Mutter, die ihren Sohn hat gehen lassen und kein bal­diges Wie­der­sehen erhofft, da eine Rück­reise nach Peru für ihn zu kom­pli­ziert wäre. Die Ein­sam­keit eines Sohnes, aus­ge­wan­dert in ein fremdes Land, fern von seiner Familie, wahr­schein­lich wie ein wei­terer Immi­grant behan­delt, von den anderen nicht wirk­lich respek­tiert oder akzep­tiert. Was für ein selt­sames Gefühl, die Geschichte eines „wei­teren Immi­gran­ten“ zu kennen, in seinem Viertel zu leben, in seinem Haus gewesen zu sein und an einem Tisch mit seiner Mutter zu sitzen. Seine Mutter, die unsere Freundin ist und mit uns teilt, wie sie mit diesem Leid umgeht.

Ich wün­sche Ihnen alles Gute und trage Sie in meinen Gebeten. Vielen Dank, Ihnen allen.

Gaétan


Ein Abschiedsfrühstück mit Alessia Geburtstagsfeier des Punto Spiel mit Nachbarskindern Wallfahrt zur schmerzhaften Mutter
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