• 7. März 2012
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„Eine Schule der Liebe“, Offenes Herz Berlin in der Tagespost

Suzanne Anel, Rebekka Heim und Jean-Marie Porté

07.03.2012
von Katrin Krips-Schmidt

Suzanne Anel und Rebekka Heim aus Berlin über Ziele und Auf­gaben der jungen katho­li­schen Bewe­gung Points-Cœur.

1990 gründet der fran­zö­si­sche Priester Thierry de Roucy die katho­li­sche Bewe­gung „Points-Coeur“. In kleinen Gruppen küm­mern sich Frei­wil­lige auf mitt­ler­weile fast allen Kon­ti­nenten, vor­nehm­lich aber in Latein­ame­rika, Süd­ostasien und Europa, um Men­schen, die ihrer Hilfe bedürfen. Über die Ziele und Auf­gaben dieser noch jungen Gemein­schaft sprach „Die Tages­post“ mit mit Suzanne Anel (26) und Rebekka Heim (21) in Berlin in der deut­schen Nie­der­las­sung „Offenes Herz“, die in einer Eta­gen­woh­nung eines Miets­hauses im Stadt­teil Neu­kölln ihr Domizil hat. Pater Jean-Marie Porté ist der Geist­liche der Ber­liner Gemein­schaft.

Welche Moti­va­tion gab 1990 für den fran­zö­si­schen Priester Thierry de Roucy den Aus­schlag, „Points-Cœur“ zu gründen? Gab es dafür ein ent­schei­dendes Ereignis?

Er war Oberer seines Ordens und schon weit gereist und da hat er bereits viel Leiden, beson­ders bei den Kin­dern, gesehen. Er hat erkannt, dass es auf der Welt „schwarze“ Punkte (Points) gibt, Orte, an denen die Men­schen leiden, an denen es Unge­rech­tig­keit gibt – und er hat gespürt, dass es dort Treff-„Punkte“ geben sollte, in denen das Herz (Cœur) im Zen­trum steht. Ihm wurde bewusst, dass vor allem die Kinder eine „Prä­senz der Liebe“ brau­chen. Am 4. Januar 1990 bekam er beim Ave Maria-Gebet die Inspi­ra­tion, dieses Werk zu gründen. Inner­halb weniger Monate wurden in Bra­si­lien und Argen­ti­nien die ersten beiden Häuser errichtet.

Points-Cœur wird als „katho­li­sche Bewe­gung“ bezeichnet. Wie sind Sie orga­ni­siert?

Man muss unter­scheiden zwi­schen der Orga­ni­sa­tion Points-Cœur, die Frei­wil­lige in die Welt schickt, die dort in ihren Pro­jekten in der Gemein­schaft zusam­men­wohnen und wäh­rend dieser Zeit auch die Gelübde von Armut, Keusch­heit und Gehorsam leben. Daneben gibt es jetzt aber auch eine orden­s­ähn­liche Gemein­schaft mit Pries­tern, Schwes­tern im Habit sowie gott­ge­weihten Laien. Ins­ge­samt sind wir etwa 100 Mit­glieder in dieser orden­s­ähn­li­chen Gemein­schaft.

Ihre Pro­jekte weisen Ähn­lich­keiten mit den Akti­vi­täten der Mis­sio­na­rinnen der Nächs­ten­liebe auf. Lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit von Mutter Teresa und anderen Ordens­grün­dern inspi­rieren?

Wir wissen, dass wir noch klein sind, daher ist die Erfah­rung anderer Orden für uns sehr wichtig. Um hier in Berlin armen Men­schen zu begegnen, gehen wir bei­spiels­weise in die Sup­pen­küche der Schwes­tern von Mutter Teresa und dort helfen wir ihnen und gleich­zeitig spre­chen wir mit den Leuten, die dort hin­kommen.

Gibt es eine bestimmte Spi­ri­tua­lität, die hinter Ihrer Bewe­gung steht oder gibt es bei Ihnen unter­schied­liche Aus­rich­tungen des Katho­lisch-Seins?

Wir sind eine „Neue geist­liche Bewe­gung“. Unser Ziel ist es, „Maria am Fuß des Kreu­zes“ nach­zuahmen. Diese Prä­senz von dem, der „da“ bleibt, der „ste­hen“ bleibt. Dort zu sein und zu bleiben, wo die Men­schen am meisten leiden. Unser Gründer gibt uns jedes Jahr einen Hei­ligen als Vor­bild, um unsere Spi­ri­tua­lität besser zu erkennen. In diesem Jahr ist es Johannes Paul II., der für uns sehr wichtig ist, im ver­gan­genen Jahr war es die kleine Schwester Mag­de­leine, die Grün­derin der Kleinen Schwes­tern Jesu. Der Schutz­pa­tron unserer Gemein­schaft ist der hei­lige Damian de Veuster.

Wie können Sie das, was Sie den Men­schen ver­mit­teln möchten, kurz umreißen?

Vor allem eine Freund­schaft. Dass sie nicht alleine sind. Dass es da jemanden gibt, der sie so annimmt und so liebt, wie sie sind. Der sie in ihrem Alltag, in ihrem Leben begleitet. Der ein­fach mit ihnen ist, mit ihnen sich freuen, mit ihnen weinen und lachen kann. In den Vier­teln, in denen wir sind, gibt es so viele Men­schen, die aus­ge­stoßen sind, weil sie zum Bei­spiel Pro­sti­tu­ierte sind, oder weil sie Drogen nehmen.

Sie bieten jungen Men­schen die Mög­lich­keit zu einem Hilfs-Ein­satz in Ihren Points-Cœur-Häu­sern und -Dör­fern. Wie spielt sich das ab?

Ein sol­cher Ein­satz sollte nicht kürzer als vier­zehn Monate und nicht länger als zwei Jahre dauern. In den jewei­ligen Orten leben sie in kleinen Gemein­schaften mit vier oder fünf anderen zusammen. Sie leben wie in einer Familie und machen dort wirk­lich alles zusammen. Sie besu­chen gemeinsam die Men­schen vor Ort, sie essen zusammen. Sie beten jeden Tag gemeinsam. Wir haben das Morgen- und das Abend­gebet, wir beten den Rosen­kranz und wir haben eine Stunde Anbe­tung in unserer Kapelle, in der wir auch jeden Tag den Got­tes­dienst feiern. Das sind die drei Säulen von Points-Cœur: das Gebets­leben, das Gemein­schafts­leben und das Apo­stolat. Zuvor bieten wir den Frei­wil­ligen eine Aus­bil­dung an: an drei Wochen­enden, in denen man das Cha­risma von Points-Cœur besser ver­stehen lernt plus zwei Wochen, in denen man wirk­lich zusam­men­lebt.

Was pas­siert danach mit den „Frei­wil­li­gen“?

Man kommt wieder in das Leben zurück, man fängt wieder an zu stu­dieren oder zu arbeiten. Bei mir (Rebekka) war es so, dass die Erfah­rung mich nicht mehr los­ge­lassen hat. Es ist eine Erfah­rung für das ganze Leben. Wenn man einmal diese Erfah­rung des Glau­bens gemacht hat, dann kann man nicht mehr ohne den Glauben leben. Des­wegen ist es wichtig, dass es für mich diese Per­sonen und Freunde gibt, die die glei­chen Erfah­rungen gemacht haben und des­wegen bin ich noch immer sehr ver­bunden mit der Gemein­schaft. Ich stu­diere zwar Foto­grafie, bin trotzdem aber oft hier, zum Beten oder zum Apo­stolat. So gehen wir bei­spiels­weise einmal in der Woche gemeinsam ins Alters­heim.

Bis auf Aus­tra­lien sind Sie auf allen Kon­ti­nenten – gerade auch in den Elends­quar­tieren der Welt – prä­sent. Wie kommt es, dass Sie aus­ge­rechnet in Berlin – in Neu­kölln – eine Nie­der­las­sung haben? Zählt die Haupt­stadt Deutsch­lands auch zu den Elends­vier­teln? Was meinen Sie mit „Elend“ in diesem Zusam­men­hang?

Ein­sam­keit. Ja, ich denke, das ist wirk­lich diese Erfah­rung seit zehn Jahren, dass in großen Städten wie in New York, Genf, Paris, Berlin, Wien (wo wir auch überall sind) es dort eine andere Armut gibt, die eigent­lich viel tiefer geht. Unser Gründer hat uns immer gesagt: diese Prä­senz der Liebe sollt Ihr denen geben, die am meisten leiden. Und diese Ein­sam­keit ist viel stärker in den rei­chen, großen Städten als in den Elends­vier­teln der Welt. Es ist ganz wichtig, diese beiden Erfah­rungen zu haben. Weil ich (Suzanne) in Rumä­nien gewesen bin und dort das Leid der Kinder erfahren habe, kann ich auch hier das Leid der Men­schen sehen. Man ver­steht dann, dass das Mate­ri­elle über­haupt keine Bedeu­tung hat. Dass es egal ist, ob man reich oder arm ist, und dass es wirk­lich nur auf das Herz ankommt. Dass wir alle Men­schen sind und dass wir alle irgendwie den Durst nach Freund­schaft, nach Aner­ken­nung, nach Liebe haben und dass es das überall gibt, also egal, ob wir jetzt in irgend­einem Armen­viertel oder in Berlin sind. Für unseren Gründer war von Anfang an klar: seine Grün­dung ist gut für die Leute dort, aber sie ist auch sehr wichtig für die Frei­wil­ligen. Und er hat gesagt, dass Points-Cœur eine Schule der Liebe für die Frei­wil­ligen ist. Weil ich will, dass sie das, was sie mit den Kleinsten und den Ärmsten gelernt haben, auch in ihrem Leben, in ihrer Familie, in ihrer Arbeit, in ihrem Stu­dium leben. Dass sie das wei­ter­geben. Das sollte also nicht nur ein Jahr in Bra­si­lien sein, son­dern ein Leben.


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