• 4. August 2017
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[Alessia in Peru] Ausschnitte aus dem 3. Patenbrief

Alessia, seit einem Jahr in Lima (Peru), erzählt in ihrem dritten Paten­brief von ihren Freunden aus dem Viertel.

Liebe Paten,

(...) Ich möchte euch etwas über Rigo­berto erzählen. Dieses Jahr am Ascher­mitt­woch ist er leider gestorben. Er war Alko­ho­liker und lebte auf der Straße. Manchmal klopfte er an unserer Tür und fragte uns nach etwas zu Essen oder ob wir ihn rasieren könnten. Ich habe leider sehr lange gebraucht, um zu ver­stehen, dass er eigent­lich nicht nach etwas Mate­ri­ellem suchte, son­dern viel mehr nach unserer Auf­merk­sam­keit. Er hatte nie­manden. Seine Schwes­tern hielten Abstand von ihm, da der Alkohol ihn aggressiv machte. Wir haben nach seinem Tod erfahren, dass er auf­grund einer zurück­ge­sto­ßenen Liebe ange­fangen hatte zu trinken. Schwach und scheinbar ver­loren ver­brachte er die Zeit auf der Straße, bis er schließ­lich auf den Kopf fiel und ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wurde. Es ist furchtbar, wie sie ihn dort behan­delt haben. Als Franzi und Ewa ihn besuchten, trafen sie ihn ledig­lich in Unter­hose bekleidet, voller Schweiß und ans Bett ange­bunden. Nicht einmal gegessen oder getrunken hatte er. Da er seinen Aus­weis ver­loren hatte, wurde er unter „Unbe­kannt“ ein­ge­lie­fert. Ein Unbe­kannter liegt tage­lang ohne Besuch im Kran­ken­haus, ist zwangs­weise auf Entzug und dadurch aggressiv. Das Per­sonal fühlte sich ange­griffen und küm­merte sich über­haupt nicht mehr um ihn.

Einen Tag vor seinem Tod besuchten Franzi und ich ihn. Dieses Mal war er nicht mehr bei Bewusst­sein, wie in einer Art Wach­koma. Sie sagten uns, er habe ein Blut­ge­rinnsel, wollten uns aber nicht wei­tere Infor­ma­tionen geben, da wir nicht der Familie ange­hören. Hilflos ver­brachten wir etwas Zeit mit ihm, berührten ihn und ver­suchten, ein wenig mit ihm zu spre­chen. Es war ein ziem­li­cher Schock, als wir später von seinem Tod erfuhren. Ich weiß nicht, ob sich die Ärzte tat­säch­lich um ihn geküm­mert haben und um ehr­lich zu sein, seine Geschichte ließ mich lange Zeit ver­zwei­feln. Ins­be­son­dere, dass er am Ende nicht einmal beer­digt werden konnte. Dies lag daran, dass er zunächst im Kran­ken­haus mit einem anderen ver­stor­benen Pati­enten ver­tauscht wurde. Danach gab es Kom­pli­ka­tionen mit den Rechten, da ohne seinen Pass seine Geschwister nicht beweisen konnten, dass sie der Familie ange­hören. Schließ­lich, da jeder Tag in der Lei­chen­halle zusätz­lich Geld kos­tete, konnte die Beer­di­gung nicht mehr bezahlt werden. Einige unserer Freunde sagten uns sogar, dass die Ver­stor­benen für medi­zi­ni­sche Stu­dien ver­wendet werden (ent­schul­digt meine Aus­drucks­weise).

Ich frage mich, wie es sein kann, dass ein Mensch, geboren wie wir alle, alleine, unwürdig und voller Schmerz nicht beachtet wird. Bis nach seinem Tod erhielt er nicht die Würde, die jeder Mensch erhalten sollte. Es macht mich wirk­lich sehr traurig. Den­noch bin ich davon über­zeugt, dass Gott ihn liebt, ihn bei sich auf­nimmt und sofort sein Herz schaut. Ich habe lange nach Gründen gesucht, warum er so leiden musste. Ich glaube, es ist ein Aus­druck davon, wie oft wir unseren Nächsten ver­gessen, aber auch wie leicht jeder von uns fallen kann. Den­noch bin ich mir sicher, dass Gott uns nie ver­gisst und uns immer ver­gibt.

Ein anderer Freund aus unserem Viertel ist Jhimmy. Wir kennen ihn erst seit dem Besuch Leos, da er lange Zeit nur sehr wenig Kon­takt zu „Offenes Herz“ hatte. Er lebt mit seinem Vater zusammen, da seine Mutter vor ca. 4 Jahren gestorben ist. Bis vor einem Jahr besaß er noch seine eigene „Cevi­che­ria“. Ceviche ist ein sehr beliebtes, tra­di­tio­nelles Fisch­ge­richt Perus. Er war jedoch leider gezwungen, sein Geschäft zu schließen, da er zu oft das Essen umsonst aus­ge­geben hat. Auch jetzt noch leiht er ständig seinen Freunden Geld, auch wenn er nicht weiß, wann er es zurück­be­kommt. Auch uns möchte er ständig etwas schenken. Ich habe oft das Gefühl, dass er meint selbst nicht aus­zu­rei­chen und immer etwas geben muss. Er spielt gene­rell den fröh­li­chen Jhimmy, der die Stim­mung auf­hei­tert und nie traurig ist. Es ist wie eine auf­ge­setzte Maske, die er erst zu Hause, wenn er alleine ist, absetzt. In seinem Leben musste er oft für sich alleine kämpfen, so dass er jetzt die Ein­stel­lung besitzt, er müsse alles alleine schaffen. Seine zwei Töchter wohnen bei der Oma, da er getrennt von seiner Ehe­frau lebt. Er ver­ließ sie damals, nachdem sie ihn ein Jahr lang betrogen hatte. Dar­aufhin begann er, viel Alkohol zu trinken, um den Schmerz zu unter­drücken und fiel in eine Depres­sion. Da er zu nie­mandem Ver­trauen fasst, musste er alleine dagegen ankämpfen. Als es ihm tat­säch­lich etwas besser ging starb seine Mutter. Und wieder ging es ihm schlecht. Doch für die anderen spielte er den Starken, der die Beer­di­gung orga­ni­siert, alles unter Kon­trolle zu haben scheint und nicht weinen muss, im Gegen­satz zu seinen Geschwis­tern. Doch eigent­lich fiel er wieder in eine Depres­sion, wieder voll­kommen alleine, in sich selbst ein­ge­schlossen. Als er begann, sich das zweite Mal daraus zu befreien, musste er sich einer Ope­ra­tion, die in einem weit ent­fernten Pro­vinz­ge­biet statt­fand, unter­ziehen. Nie­mand konnte ihn besu­chen. Ledig­lich mit seinen Kin­dern tele­fo­nierte er gele­gent­lich. Wieder einmal alleine mit seinen Schmerzen, alleine mit seinem Leid...

Ganz selten zeigt er uns seine ver­letz­liche, kaputte Seite. Sein inneres Ich, das wie ein Kind nach Nähe zu schreien scheint. Ich frage mich, warum er so viel Angst davor zu haben scheint. Warum er meint, uns allen ständig etwas vor­spielen zu müssen, als sei sein wahres Ich eine Last. Warum er sich von seinen „Freun­den“ aus­nutzen lässt, als sei seine Freund­schaft wertlos. Und es erschreckt mich, wie oft wir nicht in der Lage sind, das Leid einer anderen Person zu sehen, der es scheinbar sehr gut geht. Ich bete viel für ihn, dass er erkennt, dass er so gut ist, wie er ist. Dass er sieht, dass Gott ihn liebt, mit all seinen Feh­lern und wenn er sich öffnet, die Men­schen es eben­falls können. Und dass er end­lich glück­lich wird, nicht ständig an den fal­schen Orten seinen Frieden sucht. Ich glaube, dass Gott viel für ihn vorhat, wenn er es nur zulässt.

(...) Ich bedanke mich noch einmal ganz, ganz herz­lich für eure Unter­stüt­zung. Bitte ent­schul­digt meine feh­lenden Briefe. Ich wün­sche euch einen wun­der­schönen Sommer und Gottes Segen. Alles Liebe, Alessia


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