• 21. Februar 2017
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[Alessia in Peru] Aus­schnitte aus dem 2. Paten­brief

(...)Nun möchte ich euch gerne über unsere Freundin Nemesia erzählen. Sie ist eine der längsten und treusten Freunde von „Offenes Herz“ und so dankbar und für­sorg­lich, dass sie uns eigent­lich viel mehr gibt, als wir ihr geben können. Wir haben sie einige Male zum Arzt mit­be­gleitet. Als ich das erste Mal mit ihr zum Arzt ging, fand ich dies zunächst sehr merk­würdig und schwer. Den Weg dorthin wusste ich nicht, jedoch kannte sie sich gut aus. Dort ange­kommen trafen wir eine rie­sige Men­schen­menge, die alle zu unter­schied­li­chen Ärzten wollten. Ohne jetzt kri­ti­sieren zu wollen - es sah tat­säch­lich aus wie in einem rie­sigen Bil­lig­kauf­haus mit „Unend­lich­schlangen“. Als wir dann schließ­lich an der Rezep­tion ankamen, wurden wir sehr unhöf­lich behan­delt. Im Gesamten exis­tierte eine unglaub­lich unru­hige Stim­mung, die Hektik und Unge­duld ent­stehen ließ. Wir suchten dar­aufhin den spe­zia­li­sierten Bereich, was sich eben­falls als schwierig her­aus­stellte. Wir beide wirkten ver­mut­lich sehr ver­loren in diesem rie­sigen Gebäude. Den­noch fanden wir nach län­gerem Suchen und Fragen den rich­tigen Arzt. Nach wei­terem langem Warten, unter­suchte man sie schließ­lich. Der Arzt konnte ihr zu diesem Zeit­punkt nicht helfen. Sie brauchte eine wei­tere Unter­su­chung, jedoch konnte man ihr für die nächsten drei Monate keinen wei­teren Termin geben, da alle ver­geben gewesen waren. Ich könnte jetzt viel dar­über­schreiben, wie wütend ich in dieser Situa­tion gewesen bin, als wie unge­recht ich alles emp­fand und wie sinnlos ich mir vorkam, da ich ihr nicht helfen konnte. Aber es war wirk­lich unglaub­lich zu sehen, wie dankbar Nemesia den­noch war. Sie war ein­fach glück­lich, jemanden dabei gehabt zu haben, einen Freund, der sie begleitet. Das reichte ihr aus. Auch als ich sie beim nächsten Mal beglei­tete, gestal­tete es sich ähn­lich. Wir stellten fest, dass wir beide einen nicht beson­ders guten Ori­en­tie­rungs­plan besitzen und wir mussten wieder einmal unend­lich lange warten. Aber es war tat­säch­lich eine schöne Zeit. Ich lernte sie besser kennen, auch mehr über ihre Familie. Sie arbeitet sehr viel, damit ihre Kinder stu­dieren können, obwohl sie seit acht Jahren unter Magen­schmerzen leidet. Später stellte der Arzt dann auch fest, dass sie Gastritis hat. Den­noch möchte sie tat­säch­lich warten bis ihre Kinder zu Ende stu­diert haben. Wir ver­suchten sie alle zu einer Ope­ra­tion zu über­reden. Den­noch meint sie, da sie dar­aufhin einige Monate nicht arbeiten kann, dass sie es sich ein­fach nicht erlauben kann. Es ist wirk­lich unglaub­lich, wie auf­merksam sie für andere ist. Auch für mich hatte sie an diesem sehr frühen Morgen Quinoa vor­be­reitet. Somit saßen wir in diesem über­füllten, hek­ti­schen Gebäude, früh­stückten gemüt­lich und unter­hielten uns. Es ist wirk­lich merk­würdig. Ihre ganze Familie leidet. Ihre Mutter besitzt eben­falls Gastritis, ihre Tochter ist schwer­krank und lebt ziem­lich weit ent­fernt von Ense­nada, die Ehe­frau ihres Bru­ders ist vor einiger Zeit gestorben und seitdem leidet dieser eben­falls unter Schmerzen und Depres­sionen und wird immer wieder ins Kran­ken­haus geschickt, sie selbst konnte seit elf Jahren nicht mehr zum Arzt gehen und nun fehlt ihr das Geld für eine Ope­ra­tion. Trotzdem schafft sie es aus diesem kleinen eigent­lich unbe­deu­tenden und irgendwie auch tristen Moment des War­tens einen schönen Augen­blick zu gestalten. Für mich ist sie eine Meis­terin des Lebens.

In der gesamten bis­he­rigen Zeit meiner Mis­sion waren es vor allem die Kinder, die mir sehr ins Herz gewachsen sind. Umso glück­li­cher war ich, als ich erfuhr, dass wir eine Art Zelt­lager in Guyabao gestalten werden. Vier Tage ver­brachten wir mit Kin­dern im Alter von 7 bis 13 sowie wei­tere vier Tage mit Mäd­chen von 13 bis 16 Jahren. Wir ent­schieden uns als Thema für die Kinder „Mose" und für die Mäd­chen „Judith“ aus dem Alten Tes­ta­ment. Im Zelt­lager mit den Kin­dern bekamen wir Unter­stüt­zung von unseren jugend­li­chen Freunden. Wir bil­deten Gruppen, die die Ägypter, Israe­liten sowie Kanaa­näer dar­stellten, spielten (Mann­schafts-)spiele, gestal­teten Flaggen und am letzten Tag wan­derten wir zum Domi­ni­ka­ner­kreuz, gestaltet als die Flucht der Israe­liten aus Ägypten. Jedoch am belieb­testen war der Aus­flug zum Fluss, des­wegen gingen wir so oft wie mög­lich dort hin. Am Anfang, als wir ankamen, dachten wir, der Fluss sei viel zu dre­ckig. Die Kinder jedoch hatten so viel Spaß und sprangen sofort ins Wasser, dass unser Gedanke schnell ver­schwand. Die Freude der Kinder steckte uns sofort an. Gene­rell halfen uns die Kinder sehr, die Schön­heit zu sehen, die man oft im Alltag nicht erkennt. Ich erin­nere mich noch sehr an den Weg hin und zurück vom Domi­ni­ka­ner­kreuz. Ruby und Yaneli, zwei 12- und 13-jäh­rige Mäd­chen, gingen ziem­lich langsam und weit hinten. Sie schauten sich alles Mög­liche in der Natur an. Zunächst dachte ich nur daran, dass wir doch auf­schließen sollten und spielte mit ihnen ab und zu eine Art Wett­lauf im Rennen. Mit der Zeit jedoch bemerkte ich wie ein­fühlsam und vor allem auf­merksam sie der Natur gegen­über sind. Junior, einer der Jugend­li­chen, der uns half, drückte die Erfah­rung der inten­siven Zeit mit den Kin­dern sehr schön aus. Er berich­tete, dass er zu Beginn dachte, es sei wichtig, dass man vor allem mit Dis­zi­plin mit den Kin­dern umgeht. Bemerkte jedoch dann, dass sie vor allem Liebe brauchten, die er selbst sehr viel von ihnen geschenkt bekommen hat. So fühlten wir uns sicher­lich alle. Eine der Kinder, die ich dar­über hinaus etwas mehr ken­nen­lernen durfte, ist Yaneli. Mit ihren 12 Jahren hat sie schon einiges durch­ge­macht. Ihr Vater hat ein Alko­hol­pro­blem. In seinem Rausch schlägt er häufig seine Frau Lydia und seinen 7-jäh­rigen Sohn Gian­pi­erro. Auch wirft er sie oft aus der Woh­nung. Wir sind erst vor kurzem in Kon­takt mit Lydia und ihrer Familie gekommen, da sie seit einigen Jahren nicht mehr zum „Offenes Herz Haus“ gekommen ist. An einem Abend jedoch stand sie mit Gian­pi­erro vor unserer Tür, da ihr Ehe­mann sie wieder raus­ge­schmissen hatte. Lydia wirkt bereits auf den ersten Blick sehr besorgt und man sieht häufig eine Art Leere in ihrem Gesicht. Es war sehr erschre­ckend für mich, als wir sie das erste Mal für län­gere Zeit besucht und sie nach der Erlaubnis zum Zelt­lager für ihre beiden Kinder gefragt haben. Man sah wieder die leere Hoff­nungs­lo­sig­keit in ihrem Gesicht und selbst ihr kleines Haus wirkt sehr ver­lassen. Auch Gian­pi­erro behaup­tete, als Ewa nach der Unter­schrift der Eltern fragte, dass er keinen Vater hätte. Es ist wirk­lich schwierig, diese Situa­tion zu ver­stehen und vor allem aus­zu­halten. Yaneli ver­schwindet häufig für viele Stunden aus dem Haus, ohne dass ihre Mutter weiß, an wel­chem Ort sie sich auf­hält. Den­noch geschah etwas für mich Erstaun­li­ches als wir sie mit Leo besuchten, an seinem letzten Tag in Peru. Lydia betete am Schluss tat­säch­lich für ihn und seine Reise nach Hause. Selbst in dieser Situa­tion, die mich als eigent­lich Außen­ste­hende wirk­lich getroffen hat, denkt sie an das Wohl­er­gehen eines anderen. Umso mehr haben wir uns gewünscht, dass ihre Kinder wenigs­tens für die vier Tage in Guyabao etwas Schönes erleben könnten. Danach kamen sie und ihre Mutter auch häu­figer zur „Per­ma­nencia“, der Zeit in der wir täg­lich mit den Kin­dern spielen. Ein sehr schöner Moment pas­sierte einmal, als viele Kinder malten und ich dann ein­fach auch Lydia fragte, ob sie nicht auch gerne etwas zeichnen möchte. Schließ­lich stellte ich fest, dass sie dies nicht nur sehr gut kann, son­dern wirk­lich eine ein­deu­tige Lei­den­schaft zu ent­de­cken war. In der Zeit, in der sie zeich­nete, wirkte sie plötz­lich sehr gelassen und sogar glück­lich. Sie scheint ihre Sorgen dabei zu ver­gessen. Auch danach wirkte sie um einiges zufrie­dener. Mit Yaneli und Gian­pi­erro erlebte ich eben­falls einen sehr schönen Moment. Sie zeigten mir einen kleinen See, den ich vorher in Ense­nada noch nie gesehen habe. Mit Begeis­te­rung suchten sie nach Fischen und genossen das kalte Wasser bei den mitt­ler­weile heißen Tem­pe­ra­turen. Mich begeis­terte auch sehr, dass Gian­pi­erro uns tat­säch­lich alte Felsen der Inkas zeigte. Die Beiden erscheinen für ihre Situa­tion erstaun­lich stark. Den­noch sieht man beson­ders bei Yaneli, dass sie sich nach einem Aus­bruch sehnt. Ständig sucht sie nach dem Extremum und ver­bringt viel Zeit alleine. Die Familie berührt mich wirk­lich sehr. Auch wenn man eigent­lich ganz klar sagen kann, dass die Kinder nicht in dieser Sita­tion ver­harren sollten, ist deut­lich zu erkennen, dass Lydia sehr an ihrem Ehe­mann hängt. Seit 18 Jahren sind sie ver­hei­ratet. Es muss sehr schwierig für sie sein, den Mann, den sie liebt in so einem Zustand zu sehen. Eigent­lich geht man wohl davon aus, dass jeder in dieser Situa­tion den Ehe­mann ver­lassen würde. Den­noch sieht man ein­deutig, dass Lydia nicht gehen kann. Viel­leicht ist es Abhän­gig­keit. Aber viel­leicht sieht sie noch immer den Mann, den sie gehei­ratet hat. Ich bitte euch wirk­lich ganz drin­gend um das Gebet für sie und ihre ganze Familie. (...)


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