• 18. November 2013
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[Agnes in Italien] Ausschnitte aus dem 1.Patenbrief

Agnes in Neapel, Oktober 2013

Liebe Paten,
Liebe Freunde,

zual­ler­erst möchte ich mich von Herzen bei Euch bedanken und Euch bitten, diesen Brief mit dem Bewusst­sein zu lesen, dass nichts von alledem, von dem ich Euch erzählen möchte ohne Eure Unter­stüt­zung mög­lich wäre. Das Leben hier ist über­voll von atem­be­rau­bender Schön­heit – und atem­be­rau­bendem Schre­cken. Ich finde kaum einen Ort, an dem meine Augen ver­weilen können, so viel gibt es zu sehen. Ich will ver­su­chen, Euch zumin­dest einen kleinen Teil dieser Fülle zu zeigen.

Jeden zweiten Mitt­woch besu­chen die Frei­wil­ligen von Punto Cuore Don Bosco ein Heim für psy­chisch kranke Men­schen. Das Haus ist erschre­ckend, es ist buch­stäb­lich leer – kahle Wände, vier Plas­tik­stühle im Auf­ent­halts­raum, die Bewohner sitzen am Boden, auf den Stufen, die Ärzte und Pfleger däm­mern in der Küche vor sich hin. Es dauert lange, bis sie uns die Türe öffnen, und auch dann spre­chen sie kaum ein Wort mit uns. So bin ich also mit Ugo, einem anderen Frei­wil­ligen, der seit einem Jahr hier lebt, in dieses Heim gestol­pert, sprachlos ange­sichts der Leere und einzig dankbar für die Kli­ma­an­lage (Außen­tem­pe­ratur 40 °C). Ich wusste nicht wie ich mich bewegen soll, was ich sagen soll und wie ich weiter in dieses Haus hin­ein­gehen kann. Da packt mich eine Frau bei der Hand und beginnt mich durch das ganze Haus zu ziehen: Lore­tana. Lore­tana ist eine etwa vier­zig­jäh­rige Frau mit der Reife eines etwa vier­jäh­rigen Kindes. Jedesmal erzählt sie uns, dass abends ihre Mama kommt um sie abzu­holen. Dieses Heim ist ein Ort, der schwer zu ertragen ist. Räume voller Men­schen, voller Ein­sam­keit. Men­schen, die völlig ver­stummt sind. Men­schen, die wieder und wieder das­selbe sagen, atemlos. Nie­mand, der sich küm­mert, nur das Nötigste wird getan, der Geruch ist grau­en­voll. Ärzte und Pfleger, die auf ihre Weise gen­auso ein­ge­sperrt sind, wie die Bewohner des Heimes. Nie­mand hat sich aus­ge­sucht, hier zu wohnen. Nie­mand hat sich aus­ge­sucht, hier zu arbeiten. Ein beklem­mender Ort, dessen Atmo­sphäre mich anfangs getroffen hat wie eine Wucht. Und dann war da Lore­tana. Und ihre Hand. An ihrer Hand konnte ich Teil sein von diesem Ort, eine Schwei­gende unter den Schwei­genden, mit den Ges­ti­ku­lie­renden fuch­telnd. An dieser Hand habe ich auf­ge­hört, Beob­achter zu sein. So habe ich das, was ich zu schenken ver­suche, meine Anwe­sen­heit und meine Hand, selbst geschenkt bekommen. So habe ich einmal mehr begriffen, was es bedeutet, zu zweit zu gehen und nicht alleine, begriffen, wie sehr jemand, der einen an der Hand nimmt, helfen kann. So wurde mir auch Simona vor­ge­stellt, eine etwa 35-jäh­rige Frau mit schwarzen Haaren und schwarzen Zähnen. Simona und ich haben uns auf eine sehr spe­zi­elle Art ken­nen­ge­lernt. Nach einem ersten for­schenden, ernsten Blick, hat sie begonnen sich die Haare zu richten, sorg­fältig, Strähne für Strähne, und mir dabei in die Augen geschaut. Nachdem sie mit ihrer Frisur zufrieden war, hat sie begonnen mir immer näher zu kommen, bei unge­bro­chenem Blick­kon­takt. So stehen wir uns gegen­über: Simona mit einem vor Kon­zen­tra­tion ange­spanntem Gesicht und ich mit einem unsi­cheren Begrü­ßungs­lä­cheln, das sich bald in ein Lachen ver­wan­delt. Es ist unmög­lich ernst zu bleiben, wenn man so genau betrachtet wird. Je genauer sie mich stu­diert, desto mehr muss ich lachen, und desto mehr ich lache, desto inter­es­sierter betrachtet Simona mein Gesicht. Und in diesem Moment, in dem die Situa­tion nicht noch absurder werden kann, blitzt ganz plötz­lich ein Lächeln in Simonas Gesicht auf ; sofort gefolgt von einem for­schenden Blick, der meine Reak­tion auf ihr Lächeln stu­diert. Das ganze hat sich dann noch einige Male wie­der­holt, bis wir uns beide beru­higt zurück­lehnen konnten. Nicht länger beob­ach­tend, son­dern begeg­nend, habe ich eine tiefe Schön­heit ent­deckt, die so viel stärker ist als die schwere Düs­ternis dieses Ortes. Simonas Gesicht, wie sie pro­biert, wie es ist, zu lächeln, werde ich nie ver­gessen.

All das habe ich in Afra­gola erlebt, der Hei­mat­stadt von Punto Cuore Don Bosco. Seit nicht ganz einer Woche bin ich umge­zogen, auf die Insel Pro­cida, um gemeinsam mit Angela und Erico (in ein paar Wochen folgen zwei wei­tere Frei­wil­lige) hier ein neues Punto Cuore zu gründen : Punto Cuore San Fil­ippo Neri. Ein Aben­teuer. Wir kennen schon einige Leute auf der Insel hier, das meiste gilt es aller­dings noch zu ent­de­cken.

Den ersten Abend auf Pro­cida haben wir bei einer Freundin ver­bracht, die vor kurzem ihren Mann ver­loren hat. Sie hat uns erzählt, dass sie auf­ge­hört hat, für sich zu koche; wie sie nur noch schnell isst, und vor dem Fern­seher. Wäh­rend sie erzählte, hat sie die Teller ange­richtet, und in jeder Bewe­gung war es, als wollten ihre Hände nicht, als wären die ein­fachsten Dinge zu viel. An diesem Abend habe ich ihren ganzen Schmerz gesehen, in jeder Bewe­gung, in jedem Wort. Und ich wusste nicht, was tun. Also habe ich nichts getan, wir haben ein­fach nur gemeinsam gesessen und haben gegessen. Und langsam ange­fangen zu spre­chen, von ein­fa­chen Dingen. Von den Früchten des Baumes vor ihrem Fenster, und davon, wie letztes Jahr ein paar Jugend­liche in der Nacht gekommen sind um sie zu stehlen. Von der ita­lie­ni­schen Sprache, vom nea­po­li­ta­ni­schen Dia­lekt, und vom pro­ci­da­ni­schen, der nicht mehr viel gespro­chen wird. Von Wasch­ma­schinen und Hunden, vom kochen und essen. Und zum Schluss haben wir gelacht, über all diese ein­fa­chen Dinge.

Bevor ich zum Schluss dieses Briefes komme, möchte ich noch eine Frage beant­worten, die sich viele Men­schen hier und viel­leicht auch viele von Euch stellen: Was macht ihr eigent­lich den ganzen Tag ? Um halb acht Uhr beten wir die Laudes in der Kapelle unserer Woh­nung, danach eine halbe Stunde Lek­türe, um halb neun gehen wir in die Messe, danach Früh­stück. Vor­mit­tags : ein­kaufen, putzen, kochen, ita­lie­nisch lernen, eine Stunde eucha­ris­ti­sche Anbe­tung – einer nach dem anderen, so wird in unserer Kapelle den ganzen Vor­mittag über gebetet. Manchmal besu­chen uns auch Freunde auf einen Kaffee oder wir starten unsere Besuche auch schon vor­mit­tags. Um ein Uhr essen wir zu Mittag, danach halten wir Siesta, bis etwa halb vier. Davor kann man in Ita­lien nie­manden besu­chen, zumin­dest im Sommer nicht. Um halb vier beten wir den Rosen­kranz, mal mit Kin­dern, mal mit Freunden, mal spa­zie­rend, mal am Meer. Danach besu­chen wir die Men­schen der Insel, die älteren, die sich nicht mehr außer Haus trauen, die kleinen, die nicht beachtet sind. Aber auch die großen, starken, viel­be­ach­teten, denen man ihre Ein­sam­keit auf den ersten Blick nicht ankennt. Für mich geht es in diesen Besu­chen darum, die Schön­heit eines jedes Ein­zelnen zu ent­de­cken. Jeder Mensch hat etwas ganz beson­deres, das ihm inne­wohnt, und jeder hat das Bedürfnis, in seinem Wesen erkannt zu sein. Es liegt an jedem von uns, nicht blind durch die Welt zu laufen, son­dern auf diese Schön­heit zu achten, auch wenn sie manchmal etwas ver­steckt ist. Es gibt keine Regel, wen wir besu­chen können und sollen und wen nicht. Wir besu­chen die Men­schen, die wir ken­nen­lernen und ver­su­chen im Gebet her­aus­zu­finden, wer von allen unsere Anwe­sen­heit am meisten braucht. Es ist geplant, zwei Nach­mit­tage die Woche nach Neapel zu fahren um dort Kran­ken­häuser, Gefäng­nisse, Kin­der­heime oder andere Orte dieser Art zu besu­chen ; momentan haben wir noch nicht ent­schieden, wohin wir gehen sollen, davon werde ich im nächsten Brief mehr berichten.

So ist das Leben mit Punto Cuore für mich ein Hin­hören auf Gott im Gebet, ein stän­diges Auf­finden der Schön­heit und Lie­bens­wür­dig­keit der Men­schen und ein Schenken und Beschenkt­werden von Freund­schaft und Liebe. Ich bitte um Euer Gebet, für all unsere Freunde hier auf Pro­cida und in Afra­gola, ganz beson­ders für Rosa, eine sehr enge Freundin, die sich auf­grund einer Infek­tion alle Zähne ziehen lassen muss, und neben den Schmerzen und der Angst, die sie jedesmal (jeden Mitt­woch werden zwei oder drei Zähne gezogen) vor der Spritze hat, nicht weiß, wie sie sich eine Pro­these bezahlen soll.

In großer Dank­bar­keit,
Stets im Gebet für Euch alle enga­giert und mit Euch ver­bunden,

Agnes(e)


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